Kleine Storys

Wenige Erzählungen sind übrig geblieben, die in meinen beiden Büchern keinen Platz fanden.

Ideen sind noch genug vorhanden, um zu zeigen, dass ich auch herrliche Geschichten schreiben kann, die sich als Erlebnisse zwischen die anderen - doch eher mit einem negativen Touch behafteten - Erlebnisberichten eingefügt haben.
Diese werden geschrieben werden und in einem weiteren Buch veröffentlicht! Bitte haben Sie noch etwas Geduld...

Die traurige Schwalbe

Es war einmal...
...im Frühjahr 1986...

Eines Abends, es war schon dunkel geworden, wollte ich noch schnell den vollen Müllbeutel zur Tonne in den Hof bringen.

Ich wohnte damals im Erdgeschoss eines Dreifamilienhauses aus dem Jahr 1873; sehr schönes altes Gemäuer mit einer großen und hohen Einfahrt von der Straße in den Hinterhof, wo sich außer einem riesigen Walnussbaum auch noch zwei uralte Schuppen befanden, und außerdem Platz für die kleine und fidele Hausgemeinschaft.

Von der Straßenseite her ein riesiges Tor, das zusätzlich eine kleine Extratür für den normalen Hausbesucher besaß; am Ende dieser zehn Meter langen, vier Meter breiten und vier Meter hohen "Eingangshalle", von der auch die Zugänge zu den drei Wohnungen liefen, ebenfalls Tor und Tür wie am Eingang. 

Sowohl vorne als auch hinten alte, schmale Fensterchen über den Toren, von denen eines schon seit vielen Jahren geborsten war und somit als Einflugschneise für ein Schwalbenpaar diente; am Mittelträger an der Decke der Einfahrt hatten sie schon einige Jahre in dem alten Nest gebrütet.

Als ich das Licht anschaltete - eine nackte Glühbirne recht hoch an der Wand - hörte ich plötzlich ein Geflatter und sah eine völlig erschrockene Schwalbe auf dieser Glühbirne sitzen, die wild mit den Flügeln ruderte!

So schnell, wie sie heiße Füße bekam, so schnell fiel mir siedendheiß ein, dass die alte Vermieterin, die in Düsseldorf wohnte, im letzten Herbst den Mittelbalken sanieren ließ: bei ihren jährlichen Besuchen hier hatte sie der Schwalbendreck an dem T-Träger gestört; unten machten wir natürlich ständig sauber.

Was jetzt? Mir klopfte wohl das Herz ebenso bis zum Hals wie dem armen Schwalbenmann! Weit und breit nichts anderes als die blöde Glühbirne, wo er die Nacht über sitzen und schlafen konnte!

Ich war alleine im Haus, alle ausgeflogen inklusive meiner Freundin... 

Irgend etwas musste ich doch tun!

Okay, zunächst schnell das Licht wieder ausschalten, damit der Knabe einen Sitzplatz hat; Schwalben können nicht auf dem Boden sitzen!

Während ich neben meinem Müllbeutel auf der kleinen Eingangstreppe im schwachen Licht hockte, das der Mond durch die Fensterchen schickte, hörte ich den armen Wurm herumflattern, der immer noch sein altes Nest suchte und wohl die Welt nicht mehr verstand; bald nahm er notgedrungen wieder die Glühbirne als Rastplatz.

Ich weiß nicht, wer wohl verzweifelter gewesen ist:

Der hockende Müllbeutelwegträger, der händeringend nach einer Möglichkeit sann, diesem niedergeschlagenen Vögelchen irgendeine Hilfe bieten zu können -

- oder der Schwalbenmann, der tausende Kilometer von Afrika hierher zurückgefunden hatte, um das vertraute Nest für seine bald nachkommende Gattin hübsch vorzubereiten für die jährlich wiederkehrende Hochzeitsnacht?

Was mag einem solchen Wesen durch Kopf und Herz gehen, wenn es sich nach einer solchen Strapaze seines Heims beraubt sieht, in dem schon mehrmals die Nachkommen für eine Winterreise nach Afrika aufgezogen und ganz allgemein auf die Welt vorbereitet wurden?

Heulen hätte ich können bei diesen Gedanken, und die Vermieterin an der Gurgel packen ob solcher Herzlosigkeit...

Im Hinterhof gab es auch eine kleine Glühbirne, die gottseidank nicht mit der in der Einfahrt gleichgeschaltet war; also kramte ich in der Halbdunkelheit aus einer der kleinen Scheunen eine lange, morsche Holzleiter, die seit Ewigkeiten nutzlos herumlag und jetzt endlich zu besonderen Ehren kommen sollte!

In die kleinen Risse auf der obersten Sprosse klemmte ich etwas Gras ein, in der Hoffnung, dass es dem verzweifelten Heimkehrer gefallen würde.

Diese drei Meter lange Leiter stellte ich dann an die gegenüberliegende Wand des Parkplatzes der Schwalbe, knipste das Licht unter ihrem Hintern an und hoffte...

Natürlich erschrak sie wieder, was mir in der Seele weh tat; aber ich wollte ja nur Gutes tun!

Schwalbenmann flatterte eine Weile herum, versuchte, sich wieder auf die glühende Birne zu setzen; heiße Sohlen aber erforderten sofort weitere Rundflüge...

Endlich entdeckte das Kerlchen die Leiter und probierte sie aus!

Keinem kann ich beschreiben, was ich in diesem Moment fühlte, als er sich neugierig auf seiner obersten Sprosse umschaute!
Mein eingeklemmtes Gras verschmähte er zwar, aber daneben machte er sich es bequem.

Eine ganze Weile saß ich noch auf den drei Stufen der Treppe und schaute ihn an: Erschöpfung ließ ihn immer wieder die Äugelchen zufallen; Unruhe oder auch die bange Frage: 'wie sag ichs meiner Frau?' schreckten ihn aber immer wieder auf.

Schließlich machte ich das Licht aus und ging ebenfalls ins Bett.

Zwei Tage später traf sein Weibchen ein (was bei Schwalbenreisen üblich ist), das offensichtlich genau so verdutzt war wie der Gatte zwei Tage zuvor.
Die beiden turtelten zuerst freudig auf der Leiter und beratschlagten dann; 'Okay, was nicht mehr ist, ist nicht mehr! Bauen wir uns ein neues Heim?' - so hatte ich das interpretiert...

Etwas traurig, die beiden nicht mehr unter der heimischen Decke zu haben, aber freudig, dass sie wieder zueinander gefunden hatten, beende ich diese Geschichte; viele Jahre nach dem Erlebnis ist sie aber immer noch in tiefer Erinnerung!

Sonnenfinsternis

Wie kam es zu diesen Bildern der Sonnenfinsternis, anno 1999, am Elften des August?


Ich schnappte mir mein Motorrad, das zu diesem Zeitpunkt ausnahmsweise mal funktionierte; meine alte Revueflex-Kamera im Gepäck, dazu mein einziges Stativ: ein kleines, nur und 20 cm hohes, aber feines Teil, und das 210 mm-Zoom-Objektiv mit dem Zweifach-Telekonverter. Einen Film hatte ich auch in der Kamera drin, Gott sei Dank; aber wie ich erst später merken sollte, nur einen mit 24 Bildern - und davon waren schon fünf mit irgendwas verknipst!

Von Vorbereitung auf diesen großen Augenblick also keine Spur; Hobby-Knipser eben, und ein dilettantischer noch dazu. 
Wenn Ihr aber meine Reiseberichte gelesen habt, dann wisst Ihr, dass das zu mir gehört, weil immer irgendetwas schief gehen muss!

Erst als ich vor dem Mopped stand fiel mir ein, dass ich ja gar nicht wusste, wohin ich eigentlich fahren soll! Aber na ja, es waren ja noch gut zwei Stunden Zeit bis zum Zeitpunkt X. 

Während der wie immer sehr langen Prozedur des Anlegens der Moppedklamotten hatte ich eine Erleuchtung: Alleine muss ich sein, einsamer Wolf in einsamer Natur bei diesem grandiosen Schauspiel, das mir Sonne und Mond an den Himmel zaubern wird!

Bloß: wo nur? 

Irgendwo weiter südlich sollte es sein, weil die Chancen über Ludwigshafen und der näheren Umgebung auf einen klaren Himmel von den Wetterfröschen als recht klein eingeschätzt wurde. 

Also los nach Süden - nur: wohin und wie weit überhaupt? 

Ich war schon einige Kilometer gefahren als es mir dämmerte, dass ich gar nicht bewusst gefahren war. Ha! Das isses! Lass dich doch wie immer von deinen Instinkten leiten! (Na, jedenfalls, wenn es ums Fahren geht). Und schon befand ich mich auf dem Weg in Richtung Speyer, zwischen den Wäldern hindurch, auf der Suche nach einem lauschigen Plätzchen. 

Nix, weit und breit nix, was mich inspirierte. Und wenn doch mal was Lauschiges zu sehen war, dann versperrten natürlich die Bäume die Sicht in den Himmel. 

Weiter und weiter, über die Dörfer oder besser an diesen vorbei. Überall an den Straßenrändern, an Feldwegen, an oder sogar in den vielen Äckern: Schaulustige mit Caravans und Liegestühlen und Grill und Bierfässern. Igitt! Nix für mich. Aber: alle glotzten schon nach oben, und ich dann auch: sollte ich meinen Termin mit der Sofi verpassen? 

Es sah so aus, dass ich nicht mehr viel Zeit hätte; und eine Uhr hatte ich natürlich nicht dabei, ich Penner. Jetzt kam doch eine gewisse Unruhe in mir auf, die man landläufig auch einen kleinen Anfall von Panik nennt... 

In einem kleinen Ort hatte ich plötzlich das Gefühl, hier die richtige Stelle gefunden zu haben: neben einem Supermarkt gab es einen kleinen Platz, umgeben von Büschen, der recht leer war von Menschen und anderem störenden Zeugs. Ich hab diese Stelle kurz inspiziert, zum Himmel hochgeblickt und festgestellt, dass ich in der Tat nicht mehr viel Zeit hatte! Dennoch: dieser Platz war auch nicht das Gelbe vom Ei. Mein Puls hat sich ob dieser beiden Feststellungen noch etwas beschleunigt... 

Bis ich gemerkt habe, warum ich genau an dieser Stelle anhalten musste: Nicht Instinkt und Intuition waren es, die mich zum Bilderschießen hierher geführt hatten, sondern mein Magen! Und der wiederum nicht zum Fotografieren, sondern weil er dringend Proviant brauchte aus diesem Supermarkt... (Futter hatte ich natürlich vor lauter Hektik auch keines eingepackt, ich dilettantischer, laienhafter Hobby-Knipser ohne Sinn und Organisation.) 

Der kleine Panikanfall von vorhin erweiterte sich nicht unerheblich: erstens, weil ich schon anfing zu zittern vor lauter Hunger, und zweitens, weil der Himmel sich immer mehr zu zog... 

Schaff' ich's noch? Für beides, meine ich: Futter und Sofi? 

Rein in den Laden, ein Päckchen Wienerle gepackt und zwei Brötchen. Draußen: gierigste Befriedigung meines Magens und bange Blicke nach oben - die Zeit wird knapp... und der Himmel bewölkt! 

Ja spinn' ich denn? Urplötzlich, nachdem mein Magen die ersten Nährstoffe an Hirn und Intuition transportiert hatte, sah ich die Lösung vor mir: ein kleiner Ort ganz in der Nähe, an dessen Rand direkt am Wald ein kleiner Kräutergarten für Anschauungszwecke gepflegt wurde; wir waren dort schon einige Male zum Pilzesammeln in diesem Wald. Dort hat es auch einen Unterstand mit Holzbänken und allem Komfort, den ein müder Wanderer braucht... 

Einfach genial, dieser halbwegs gefüllte Bauch! Dafür wurde er auch zwei-, dreimal ganz lieb getätschelt... Sofort entschloss ich mich, diesen Bauch erst weiter zu versorgen, wenn ich am Ziel angekommen bin; für den Moment hatte er seine Schuldigkeit getan. Ich schwang mich hurtig aufs Mopped und düste ab. 

Einige Kilometer weiter sattelte ich wieder ab, genau an diesem feinen Kräutergärtchen, und beäugte meine "Werkstatt": 

In der nach vorne offenen Holzhütte standen zwar Bänke und ein Tisch, aber alle waren soweit unter dem Dach, dass ich mit der Kamera keine Chance auf die Sonne hatte. Also setzte ich das kleine Tisch-Stativ auf den Boden und lugte mal durch, was sich als äußerst schwierig gestaltete: Ich konnte kaum durch den Sucher sehen; nur wenn ich mich platt auf den Boden legte konnte ich den Kopf soweit unter die Kamera stecken, dass ich wenigsten halbwegs die Richtung anpeilen konnte. 

Da ich natürlich auch keine spezielle Sonnenfinsternis-Brille mehr ergattert hatte - (habe ich eigentlich schon meinen Dilettantismus erwähnt?) -  fiel diese Aktion noch viel schwerer aus. das Stativ hätte ich auch irgendwo an einem Ast oder einem Lattenzaun oder so festklemmen können, aber die Zeit gestattete mir keine Suche mehr nach einem günstigeren Schuss-Standpunkt als der auf dem Boden. 

Für einen Sekundenbruchteil ergoss sich die Lichtflut der Sonne durch das Objektiv in mein Auge - das war so heftig, dass ich nach einer anderen Möglichkeit suchen musste. Kurzerhand legte ich den aufgeschlagenen, schwarzen Deckel des Tankrucksacks darunter, und so konnte ich durch die darauf fallende Helligkeit bestimmen, dass die Sonne tatsächlich im Ziel stand.

Ich bewegte die Kamera einige Male hin und her, und tatsächlich konnte ich Helligkeitsunterschiede feststellen, wenn das Licht durch das Objektiv und den Sucher auf das schwarze Plastik schien. Vage zwar und keinesfalls so scharf, dass sich die Sonne abgebildet hätte, aber es musste einfach genügen! 

Solchermaßen blind gezielt harrte ich der Dinge, die da sehr bald kommen würden, und gönnte mir einen Augenblick für die Umgebung: hinter mir die Hütte und der Wald, vor mir - außer dem Kräutergärtchen - Felder und einige kleine Häuser mit roten Ziegeldächern; diese waren aber so weit entfernt, dass sie meine Idylle nicht störten. Weit und breit kein Mensch und auch keine menschlichen Geräusche, nur Vogelgezwitscher und ein entferntes Bellen eines Hundes. Genau das war es, wonach ich gesucht hatte! Toller Bauch, der hiermit wieder einen Tätschler genießen durfte... 

Bange Blicke nach oben, immer sehr vorsichtig nur mit fast geschlossenen Augen - und das auch nur sehr kurz - ließen mich erkennen, dass die Wolken drohten, mir das Schauspiel zu verhüllen! Jetzt musste es also losgehen mit der Knipserei! Zum Glück hatte ich wenigsten an den Drahtauslöser gedacht, ansonsten wäre die Sache noch ein herbes Stück schwieriger geworden. 

Zwischen den einzelnen Bildern hab ich immer wieder die Blende und die Verschlusszeit verstellt und hoffte, dadurch wenigsten ein, zwei einigermaßen erkennbare Bilder zu ergattern. Dabei musste ich auch noch aufpassen, dass ich bei den Einstellungen ja nicht das Stativ verrücke... Zum Verrücktwerden, glaub's mir! 

Zudem konnte ich auch nicht wahllos drauf los knipsen, ich musste ja mit den Bildern haushalten - womöglich ging mir der Film aus, bevor der Höhepunkt am Himmel statt fand? Ein weniger blöder Knipser hätte zumindest einen leeren 36er Film eingelegt, einen Zweitfilm als Sicherheit im Rucksack gehabt oder auch eine zweite Kamera mitgenommen... 

Ich hielt die Blicke immer knapp über den Feldern, um nicht geblendet zu werden - und plötzlich spürte ich, dass es gleich soweit sein musste: die Natur um mich herum hielt den Atem an! 

Innerhalb von Sekunden verstummten die Vögel, das ferne Bellen des Hundes ging über in ein ganz kurzes Jaulen, dann war auch aus dieser Richtung nur Stille zu spüren. Und es wurde kalt! 

Ich hatte das Gefühl, dass selbst die Ameisen um mich herum in Andacht gefallen waren... Und: hatten einen Augenblick zuvor nicht noch die Blätter in den Bäumen geraschelt? 

Just in dem Moment, als der Mond begann, seine ersehnte Gefährtin zu bedecken, riss die Wolkendecke etwas auf: Ich war sicher, das war ein Zeichen für meine Ehrfurcht und meine tiefen Gefühle, die hier in der Einsamkeit ein Maß annahmen, die unter den Menschenansammlungen, die ich unterwegs gesehen hatte, nicht möglich gewesen wären... 

Ich fühlte mich völlig Eins mit der Natur um mich herum, spürte mit jeder Faser meines Körpers, meines Geistes und meines Herzens den mächtigen Kosmos, seine überwältigende Schönheit; in diesen Momenten fühlte ich mich tatsächlich als Bestandteil der mich umgebenden Natur und damit auch integriert in etwas Größeres, Gewaltiges, Faszinierendes. Hätten diese Momente länger angedauert, ich wäre unweigerlich in tiefste philosophische Gedanken verfallen... 

So aber zwang ich mich vorsichtig, noch einige Bilder zu schießen, ohne diese Gefühle in mir zu verletzen. 

Dann war der Film aus; besser gesagt, beide Filme: der in der Kamera und der auf der Großleinwand über mir. 

Ganz langsam erwachte die Natur wieder zum Leben, und ich mit ihr: Zögerlich setzten die Vögel ihren Gesang fort oder begannen einen neuen; die Bäume raschelten aufs Neue mit den Blättern, die Ameisen marschierten dort weiter, wo sie in Andacht verfallen waren; Insekten, die sich am Boden oder unter Blättern versteckt hatten, torkelten erneut lebensfroh durch die wärmenden Sonnenstrahlen; der Hund von vorhin schickte eine vorsichtig jaulende Anfrage in seine neu entstandene Welt; und ich, der kleine gefühlswallende Mensch, saß noch lange auf dem Boden, um diese erhebenden Gefühle für die Ewigkeit zu konservieren... 

Wie ich später erfuhr, hatten alle im Umkreis von vielen Kilometern das Pech, dass in diesen bewegenden Momenten die Wolken ihre Aus- und Ansichten verschleierten! Auch der Fotograf der örtlichen Zeitung im 20 Kilometer entfernten Ludwigshafen erntete nur hübsche Wolkenbilder; wie alle anderen, die ich - sensationslüstern und grillfeiernd - auf meinem schweren Weg hier in diese Enklave belächelt hatte... Und mein Nachbar von obendrüber, der mit Freunden feiernd irgendwo anders unterwegs war, erzählte, dass gerade in DEM Moment die Wolken vor ihre Gesichter gezogen waren!

Warum, so frage ich mich heute noch, hatte ausgerechnet ich auf meinem einsamen Plätzchen das Glück, dieses Spektakel sehen und auf meinen Bildern festhalten zu dürfen (auch wenn diese nicht perfekt sind)? Und so gehörte ich zu den wenigen von einigen Hunderttausend Menschen in meiner Umgebung, die sehen, erleben und sehr tief fühlen konnten bei einer Vorführung, die uns in diesem Land nicht oft von der Natur geboten wird... DEN perfekten Ort hatte ich erwischt!

Hier die komplette Entstehung und Vergehung dieses Ereignisses:

Die Qualität ist natürlich nicht das, was man unter "anspruchsvoll" verstehen kann - was ja aber unter meinen Bedingungen verzeihbar ist: schließlich habe ich nicht nach Sicht fotografieren können, sondern hatte auch noch rein gefühlsmäßig an Blende und Verschlusszeit hantiert. Und ein spezieller Objektiv-Filter war natürlich auch nicht drauf...

Mich fasziniert allerdings besonders, wie sich die Farben im Verlauf dieses Schauspiels verändert hatten!

Spatzenrettung

Lebensrettung im Frühsommer 2006


Ein Mörderkater auf der Lauer...

Mein Kater Mikesch hatte es sich in dem noch eingepackten Sonnenschrirm unter dem Balkontisch urgemütlich gemacht, obwohl er ziemlich unsicher dreinschaut: er war ja noch nicht lange bei mir, und so eine Freiheit wie einen Balkon hatte er vorher wohl nie erleben dürfen!

Plötzlich aber wurde er durch aufgeregte Töne hellwach: 'Da! Dort auf der Balkonbrüstung tut sich was! Getzwitscher und Gepiepse! Nix wie hin!' - nichts mehr von irgendeiner Unsicherheit war zu spüren...

Wie ein geölter Blitz hatte er sich dann ein unerfahrenes Spatzenjunges, das sich zwischen den Geranien neugierig umsah, aus dem Balkonkasten geklaut und sauste damit quer durch die Wohnung, um wohl in einer dunklen Ecke mit ihm zu "spielen".

Ich hatte allerdings entschieden etwas dagegen: also sauste ich hinterher!

Unter dem Wohnzimmertisch konnte ich Mikesch kurzfristig stellen und sah dabei etwas Rotes auf dem Bäuchlein des Spatzenknaben, den er quer im Maul hielt - oje, dachte ich, zu spät...

Meinen lautstarken Aufforderungen im herrischsten meiner möglichen Töne, den Bubi wieder in seinen Balkonkasten zu bringen, kam der Kater natürlich nicht nach; im Gegenteil: eine Lücke in meiner Angriffsposition nutze er geschickt aus und fetzte mit seiner Beute weiter durch alle Zimmer der Wohnung - und ich natürlich wieder hinterher.

Weder im Schlafzimmer, noch in einer Ecke hinter dem Schreibtisch, noch im Bad konnte ich den Brutalo zur Strecke bringen! Ins Wohnzimmer traute er sich wohl nicht mehr, da er dort schon einmal fast gestellt worden war.

Wieder zurück in der Küche, in einem Eck neben der Balkontür, erwischte ich den Räuber am Schwanz, und das behagte ihm überhaupt gar nicht: eine Katze kann wohl nicht gleichzeitig protestierend miauen und gleichzeitig seinen Fang im Fang behalten...

Das kleine Federknäulchen nutze die Chance und zischte ab aus den Zähnen des Häschers - und knallte genau gegen das Küchenfenster...

Dem Mörderkater blieben nur einige kleine Blütenblätter der roten Geranie übrig, die er verächtlich ausspuckte und sich dann mit mörderischer Geschwindigkeit irgendwohin aus dem Staub machte!

Das war also das Rote, das ich schon als Zeichen der Apokalypse auf dem Bäuchlein des Spatzenbubis gesehen hatte...

Der Federknirps hockte, gottseidank unversehrt, aber mit mit einem wahrscheinlich gehörigem Brummkopf, völlig erschöpft auf der Fensterbank zwischen den Blumentöpfen, nachdem er wieder und wieder an das Glas der Scheibe geknallt war. Auf die Idee, dass er es direkt neben dem Fenster durch die offene Balkontür versuchen könnte, ist er in seiner Panik wohl nicht gekommen.

So konnte ich den kleinen Wurm rasch in die rechte Hand packen!

Sein Herzlein raste wie wild; die wunderschönen Äugelchen waren weit aufgerissen, das Schnäbelchen ebenfalls, um gierig atmen zu können; das kleine Züngelchen lugte dabei weit heraus.

Als ich das Viechlein so durch die Gegend trug und ihm dabei immer wieder über das Köpflein strich und beruhigende Worte zuflüsterte, entdeckte ich die kleine Sony auf dem Schreibtisch: DAS war es! Die Situation musste festgehalten werden!

Ich schnappte das Teil mit der linken Hand, ohne den geringsten Schimmer, welche Einstellungen ich zuletzt verwendet hatte; auf dem Balkon schoss ich blindlings ein paar Bilder in Richtung meiner rechten Hand mit dem kleinen Kerl darin.

Ergebnis: natürlich mager; aber man kann schon erahnen, dass der Piepmatz anfangs noch in heller Panik war und sich danach gehörig beruhigt hatte! Und ich mich auch; mein Herz hatte beinahe so schnell geschlagen wie das des beinahe-Opfers...

Hastige Momentaufnahmen:


Hier noch völlig außer Atem, mit wild pochendem Herzen und Angst in den Augen


Schon viel entspannter, weil er spürte, dass er in einer guten Hand war; das Herzlein schlug normal, und auch die Panik im Auge ist weg


Hier ist sogar schon Neugierde zu sehen, als er meine kleine Kamera registrierte! Schade halt, dass der Schärfepunkt nicht stimmt

Nach einer Weile war der Knirps wieder völlig ruhig; er blickte neugierig herum, ohne sich befreien zu wollen! Gerne hätte ich ihn noch weiter geknuddelt (es ist einfach unheimlich süß, so was in meiner Hand zu spüren!), aber ich wollte ihn dann doch zu seinen Kumpels in den großen Fliederbusch entlassen, also öffnete ich die Hand:

Spätzchen blieb eine Weile zusammengekauert hocken, guckte sich nur um. Dann stand er auf, schaute mir direkt ins Gesicht und meinte: "Piep!!" Ein weiteres "Piep?" in Richtung Flieder, noch mal ein kurzer Blick zu mir; und dann flatterte er zurück zu seiner Spatzenbande - und alle waren glücklich...

… außer meinem Kater, der mich ziemlich vorwurfsvoll anmaunzte...