Beschreibung unserer Schule       Landschulheim       Kameradenseite      Geschichten aus der Schule       Bilder der Schulbegehung 2013          

Die Artikel auf dieser Seite:

Bolzplatz im Landheim         Schnitzeljagd        Vier Schelme      Ein Trommler       Landheim-Finale       Unser lieber Dr. Schott

Im Landheim: Der Bolzplatz

 

Dieser Bolzplatz war für die sportlicheren Jungs natürlich eine besondere Spielwiese: So naturverbunden konnten wir uns in Mannheim zwar auch austoben, weil die Freiluft-Sportstunden im Luisenpark stattfanden, ganz in der Nähe unserer Schule. Aber hier waren wir noch näher dran an der Natur als auf dem großen Sportgelände zu Hause: nicht nur klein war dieser Bolzplatz, sondern eben auch fast direkt am Bach gelegen, damals noch ungesichert gegen abfliegendes Sportgerät. 
 
Als ich einmal einen Ball ungeschickterweise so abfälschte, dass er fortgespült zu werden drohte, raste ich ihm hinterher und riss mir beim Herausfischen aus dem saukalten Wasser den halben Fingernagel des Mittelfingers an einem Stein der Uferbefestigung ab; aber der Ball war gerettet! 
 
Einer der Lehrkräfte, die immer zu zweit mit ins Landheim gingen, stand recht ratlos neben mir, bis ich ihn um ein Taschentuch bat, um die Blutung zu stillen. Herr Heusermann, - Gott hab ihn selig -, ein schon etwas älterer Lehrer mit im Nacken relativ langen, eisgrauen Haaren, die ihm den Spitznamen Winnetou einbrachten, suchte umständlich langsam in seinen Hosentaschen und fand ein ungebrauchtes, kariertes Taschentuch. Ich versprach, es ihm wieder zugeben, was ich aber nicht einhalten konnte: Das Blut ließ sich zu Hause nicht mehr rauswaschen. 
 
Der Bach hatte sich somit meinen Zorn zugezogen, und so beschloss ich zwei Tage später, ihn zu bestrafen: Stauen wollte ich ihn, bis zum Überlaufen, und zwar an der kleinen, niedrigen Brücke auf dem Heimgelände!   
Es war heiß zu dieser Jahreszeit, und so stiefelte ich barfuss und mit kurzen Hosen vor dem Brückchen im Bach herum und baute aus allerlei Gerümpel wie Steinen und Holz eine Staumauer. Tatsächlich schaffte ich es, die etwa 20 Zentimeter bis zum Uferrand auszugleichen und den Innenhof kräftig zu befeuchten... Keiner meiner Kameraden half mit; im Gegenteil zeigten sie des Öfteren mit  den Zeigefingern an ihre Schläfen.   
Wahrscheinlich wollten sie nur nicht zugeben, dass sie keine Ahnung hatten von der hohen Kunst des Staudammbaus! 
 
Leider hielt mein Sieg über den Bach nicht lange, weil die Lehrer meinen Prachtbau gar nicht gut hießen und ich ihn wieder abbauen musste. Einer Strafe für diesen Blödsinn in Form von Nachsitzen oder so entging ich nur deswegen, weil die Sonne zu heiß und das Wasser viel zu eisig war: Vier Tage musste ich zusammen mit fast 39 Graden mein Bett hüten... 
 
So ein Mist! 
 
Dabei entgingen mir doch glatt die angenehm wenigen Unterrichtsstunden am Vormittag; viel schlimmer aber noch: ich versäumte die viele Freizeit, in der ich weiteren Unsinn hätte treiben können! 

Schnitzeljagd in der Umgebung des Landheims

 

Einmal veranstalteten unsere Lehrer eine Schnitzeljagd durch die Waldgegend unserer näheren Umgebung.  Wobei es in der Tat keine Schnitzel im essbaren Sinn zu erjagen gab, sondern anhand von 'Schnitzel-Informationen' eine Route erforscht werden musste und auf diesem Weg wichtige Informationen lagen, die zu finden waren.

Nachmittags ging es los, und zum Abendessen sollten wir wieder zurück sein, hieß es. 
 
Ich war irre begeistert, weil ich doch Wälder über alles liebte! Zu Hause hatte ich es nur rund zwei Minuten bis zum Rand des Käfertaler Waldes im Mannheimer Stadtteil Kirchwaldsiedlung, in dem ich schon seit früher Jugend die Hälfte meiner Freizeit verbrachte; die andere Hälfte ging auf Sportplätzen und in Sporthallen drauf. Jedenfalls so lange, bis ich die Mädels entdeckte: danach drittelte ich meine Freizeitaktivitäten... 
 
So war es also nicht verwunderlich, dass ich irgendwie meine Schnitzelkameraden aus den Augen verlor, weil meine Neugier, oder besser: meine Gier nach Entdeckung der Natur, mich vom rechten Weg abkommen ließ!  
Zu dieser Zeit, als junger Bursche, besaß ich noch nicht den Orientierungssinn, der mir später zueigen wurde; ich verirrte mich schlicht, aber ergreifend. 
 
In dieser, gelinde gesagt, recht ungemütlichen Situation entdeckte ich eine Reaktion in mir, bzw. eine fehlende Reaktion, die mich fortan durch meine kleinen und größeren Abenteuer begleiten sollte: Ich war unfähig, um Hilfe zu rufen! 
 
Natürlich dachte ich sofort daran, als ich bemerkte, dass außer Wald nichts anderes mehr um mich herum war. Aber irgendetwas hemmte mich: War es die Scham, meine Hilflosigkeit einzugestehen? Wahrscheinlich war es mir furchtbar peinlich, wie ein allein gelassenes Kind im Wald zu stehen und ‚Maaaami!!' zu rufen!  
 
Oder war es der Stolz, der mich meine Ungeschicktheit nicht eingestehen ließ? Schließlich könnte ich es auch ohne fremde Hilfe schaffen, aus diesem Dilemma heraus zu kommen! 
 
Ich denke heute, dass es die Mischung aus beidem ist, die meinen Mund in brenzligen Situationen verschließt.

Einen gewissen Instinkt besaß ich aber zu dieser Jugendzeit offenbar doch schon: ohne diesen hier erklären zu können oder die näheren Umstände beschreiben zu wollen, die mich gefühlte Ewigkeiten umherirren ließen, kürze ich ab bis zu dem Zeitpunkt, als ich mich wieder im Landheim einfand:  
Hungrig und erschöpft, aber heilfroh und - zugegebenermaßen -  auch stolz klingelte ich an der Tür, die recht schnell geöffnet wurde: von den Heimeltern!  
 
Den ersten Anpfiff durfte ich mir noch auf der Schwelle abholen: "Ja, was hat denn dich geritten?? Wo warst du, wo kommst du her?? Alle, ja, alle!! sind vor einer halben Stunde nach dem Abendessen ausgerückt, um dich zu suchen!! Was hast du dazu zu sagen??!!" 
 
"Ich hab Hunger...", erwiderte ich kleinlaut.  
 
Das verschlug den beiden die Sprache, und sie brachten mir zwei belegte Brote, die ich draußen auf der Bank vor dem Heim mit zwiespältigen Gefühlen gierig in mich hinein schob: 
Ob sich die Lehrer und Kameraden ernsthaft Sorgen um mich machten? Die armen Leute konnten ja nicht ahnen, dass ich in der wilden Natur aufgewachsen war und imstande bin, dort auch zu überleben - oder zumindest wieder nach Hause zu finden... 
 
Meinem Magen ging es recht gut nach diesem Abendessen, aber nur einen kurzen Moment lang: weitere Gedanken verhinderten eine Ausbreitung dieser Wohligkeit im Verdauungstrakt! 
 
Wie lange werden sie wohl suchen?  
Es wird bald dunkel! Ob sie schon verzweifelt sind und an Polizei und Suchhunde denken?
Was, wenn sie mich bei ihrer Rückkehr hier gemütlich sitzen sehen würden? Ich saß ja nur hier, um sie schon von weitem erkennen zu lassen, dass ich da bin und sie damit aller Sorgen entlassen kann! Aber: würden sie diese Geste auch würdigen? Oder würden sie mich eher würgen? 

O oh, mir wurde richtig übel. 

Und: Was würde ich wohl an Konsequenzen ertragen müssen? Arrest im Bach, eine Stunde lang, des Nachts, dabei Cäsars 'De bello gallico' übersetzend? 

O oh, jetzt wurde mir richtig schlecht.

Bevor ich mich in den Fluten des Baches ertränken konnte, erschollen von weit oben Rufe: Auf der schmalen Straße vom Bauernhof her kamen sie anmarschiert und winkten! 

Zuerst war ich heilfroh, aber noch im selben Moment überkamen mich Zweifel: Solches Rufen und Winken könnte auch bedeuten: ‚Hallo! Warte! Wir sind gleich da, um dich zu vierteilen! Juchuuuh!' 

Mir wurde fast schon wieder schlecht. 

Ihr glaubt es kaum, aber das Folgende ist genau so wahr wie das Vorangegangene: Ich war nicht imstande, dem Trupp entgegen zu gehen, weil meine Beine den Dienst versagten; auch geistig schlotternd schaffte ich es nur einige Schritte von meiner Bank weg, dem Mob entgegenzutreten um mich aufrecht enthaupten zu lassen! 

Meine Qual wurde jäh beendet, als sie alle eintrafen: 

Mit viel Freude und Mitgefühl wurde ich begrüßt, Erleichterung in allen Gesichtern, nirgendwo eine Zornesfalte: nicht einmal bei den Lehrern! (Oder vielleicht gerade bei denen nicht: Wie hätten die sich rechtfertigen sollen, dass ihnen ein Schutzbefohlener im Wald verlustig gegangen ist?) Die vielen Schulterklopfer und Sympathiekundgebungen machten mich allerdings etwas misstrauisch: Es gab sicher auch Kameraden, die nur froh waren, weil sie jetzt nicht in stockdunkler Nacht unter den Suchscheinwerfern von Hubschraubern den Wald durchstreifen mussten... 

Ich kam aber nicht umhin, die vielen Fragen zu beantworten, was denn - um Himmels willen! - passiert war! Die beiden Lehrer setzten sich auf die Bank, ich mich seitwärts davor auf den Boden und die Kameraden im Halbkreis so, dass die Lehrbank rechts stand und ich im Mittelpunkt dieses Ensembles: Jetzt erzählte ich mit Inbrunst, was mir widerfahren war, und ich ließ auch die Instinkte und Umstände nicht aus, die ich weiter oben in dieser Erzählung ausgelassen habe... 

Vier Schelme im Landheim

 

Wie es die Zeit so mit sich bringt, wurden aus Lausebengeln Jungs, danach halbreife Jungs und wieder danach Jungmänner ohne Reife. 

Viele von diesen ‚halben Männern' schafften es, vollwertige, brave und anerkannte Mitglieder einer Schulklasse oder eines demokratischen Sozialstaates zu bleiben, während andere schon mit 15 oder 16 Jahren auf Demos gegen den Numerus Clausus protestierten; wobei es den meisten egal war, ob sie als spätere Abiturienten und Möchtegernstudenten davon betroffen sein würden, oder ob sie es überhaupt bis zum Abschluss schaffen würden oder  gar wollten: 
Die Hauptsache war, dass man Solidarität mit den älteren Schulkameraden zeigte und dabei die versäumten Latein- und Mathestunden (oder aus der Sicht der geistig flexiblen, aber körperlich unbiegsamen Kameraden auch die Sportstunden) auf halblegale Weise entschuldigen konnte. Ausgenommen natürlich die Kameraden,  die schon damals an ihrer Karriere arbeiteten  und lieber lernten wie die Wilden,  um einen würdigen Abschluss schaffen zu können: Eine gewisse Hochachtung hatte ich schon diesen Klassenkameraden gegenüber;  dummerweise konnte ich da mit meiner Lebensfreude, - die  außerhalb der Schule erst richtig auflebte -,  nur eine gewisse Zeit mithalten! 

Somit begannen also auch im Landheim andere Zeiten: Wir wurden ein klein wenig erwachsener, blieben aber in unserem Gemüt immer noch Lausebengel, jedenfalls einige von uns: vornehmlich diejenigen, die klassenabwärts gestiegen waren, aus welchen Gründen auch immer. Ich muss hier aber ausdrücklich betonen, dass ich wegen eines schlimmen Armbruches und kurz danach wegen einer Blinddarmoperation für insgesamt rund zehn Wochen den bestimmt lehrreichen und interessanten Unterrichtsstoff des zweiten Schulhalbjahres nicht bewältigen konnte: Im Krankenhaus fällt es relativ leicht, sich unbewusst von den Themen des Schulalltags zu distanzieren...  

Da wir also älter geworden waren, - gerade die Absteiger waren ja ein Jahr in ihrer Entwicklung den anderen Kameraden voraus -, erweiterten sich die Interessensgebiete: In dieser Phase der Jugend spielt es schon eine große Rolle, ob man etwa 16 oder ‚erst' 15 Jahre alt ist! Insofern hatten diejenigen, die die Klassenkameraden zwar an Alter, nicht aber unbedingt an Klugheit überragten, einen gewissen Drang zu Taten, die sich die jüngeren vielleicht in ihren Träumen vorstellen konnten, während sie in ihren Mehrbettzimmern schliefen. 

Eine kleine Gruppe von vier Verrückten wollte das aber nicht hinnehmen, sondern ihre Taten ausleben!
Wer mich kennt, wird es erstaunlich finden, dass ich zu dieser Rotte gehörte: artig, lernbegierig, voller Respekt dem Lehrkörper gegenüber; ideenlos, völlig unwaghalsig, gar ängstlich vor allem Unbekannten; scheu und zaghaft, was neue Erfahrungen betrifft; ein Einzelgänger, der lieber seine Zeit in der Lernstube verbringt, als mit solch verbogenen Klassenkameraden Streiche auszuhecken und dabei Höllenängste durchzustehen! 
So bin ich auch heute noch, vierzig Jahre später! Jedenfalls in meinen schlimmsten Albträumen... 

Einer unserer Jungs hatte einmal aus dem kleinen Fenster der Toiletten, die im Zwischengeschoss des zweistöckigen Landheims lagen, hinausgelugt und den wahnwitzigen Einfall bekommen, dass man von hier ohne große Mühe abhauen könnte, wenn man denn wollte: Etwa einen Meter unter dem Fenster würde ein kleiner Mauersims eine Trittmöglichkeit bieten, der einem Wagemutigen den Sprung über den schmalen Bach 
ermöglichen könnte, der direkt an der Landheimwand vorbei zischte. Verrückt. Aber genial gut... 

Nach wenigen Diskussionen am Nachmittag dieser Entdeckung beschlossen wir mit diebischer Freude, einen Ausreißversuch zu wagen, an diesem Abend noch! Wir hatten uns in dem einzigen Viererzimmer des Landheims einquartiert, alle anderen waren Achtbettzimmer; das bot den entscheidenden Vorteil, dass keiner von uns Spitzbuben aus einem größeren Zimmer abhauen musste! 

Etwa eine halbe Stunde nach der befohlenen Einschlafzeit machten wir uns zu diesem Abenteuer auf: dass dabei die beiden Lehrerschlafzimmer direkt links neben uns lagen, machte die Angelegenheit noch prickelnder! Zwei der hölzernen Treppenstufen zum Zwischengeschoss allerdings ließen uns doch etwas zusammenzucken: als der erste Held darüber schlich, quietschten sie! Das war uns im lauten Tagesablauf natürlich nie aufgefallen... 

Mit klopfenden Herzen erstarrten wir und erwarteten, dass jeden Moment eine der Lehrerzimmertüren aufgehen würde! Aber es rührte sich nichts in den beiden Zimmern, die etwa zwei Meter von der Treppe entfernt waren! Die Nachfolger sahen ebenso wenig wie der Vorreiter in dem dunklen Hausgang, in dem nur ein Notlicht die Umgebung schwach erahnen ließ;  deswegen wussten wir nicht, welche Stufen die Verräter waren. Der zweite Held aber hangelte sich instinktiv am unteren Ansatz über den Stufen des alten Treppengeländers hinab, was völlig geräuschlos klappte! Diese Eingebung könnte durchaus von mir gestammt haben... 

Da ich der sportlichste von uns war, fiel mir die leise zugeflüsterte Aufgabe zu, den Ab- und Überstieg aus dem kleinen Fenster zu probieren: Glücklicherweise war im diffusen Mondlicht die Umgebung einigermaßen gut zu erkennen; also schwang ich mich hinaus auf den kleinen Mauervorsprung über dem Bach, die Hände am Fenstersims, und suchte nach einem Landeplatz am anderen Ufer, das an dieser Stelle zwar recht flach war; aber dennoch rauschte der Bach in einem gemauerten Bett!

Die Freunde hinter mir raunten mir zu: ‚Mach schon!' Also rauschte ich ab über das Rauschen unter mir mit einem kleinen Sprung in Richtung fremdes Ufer... 

Hey! Nix passiert, erstaunlicherweise! Das bedeutete, dass auch die anderen Jungs problemlos rüberhüpfen konnten, was sie nach meiner Aufforderung auch vertrauensvoll und erfolgreich zustande brachten. Der letzte zog von Außen das Fenster soweit zu, dass es nicht wieder sperrangelweit aufschwingen konnte: wir würden wohl ganz schön blöd aus der Wäsche gucken, wenn ein Kamerad beim nächtlichen Klogang das Fenstger schließen würde... Hervorragende Idee dieses letzten Helden! Dafür bekam er später von den anderen ein Glas Bier spendiert!

Gutgelaunt, mit schelmischen Gesichtern und ebensolchen, jetzt nicht mehr so leisen Frotzeleien, eilten wir flinken Fußes in Richtung der kleinen Ortschaft; vorbei an dem Friedhof, der uns jetzt in der Dunkelheit ein gutes Stück mehr Respekt einflößte als bei den täglichen Ausflügen, die wir ganz legal über die kleine Brücke am Landheim in das Örtchen unternahmen; vorbei an einem dreistöckigem Haus, das, - wie wir Schlingel und Draufgänger schon längst herausgefunden hatten -, eine Menge Mädels beherbergte; warum, blieb uns zunächst allerdings verborgen.
 
Diesen Teil überspringe ich einfach mal, weil er zu viele Informationen über die nächtlichen Taten verraten würde! Nur so viel sei gesagt: Wir hatten unseren Spaß in der Ortschaft, bevor wir wieder den mühsamen Rückweg über den Bach, in das Fenster, die quietschenden Stufen, vorbei am Lehrerzimmer, wieder in unseren Schlafraum gelangten! Spät in der Nacht, dafür aber völlig kaputt am nächsten Morgen...  
Und das dreimal die Woche!

Das Heim der Mädels konnten wir allerdings nicht besuchen; wir erfuhren aber, dass dort auszubildende Krankenschwestern beherbergt wurden, und das Gelände wurde fast hermetisch abgeschottet! Ob es uns jemals gelang, diesen Wall zu durchbrechen, - ebenso wie wir genial den Weg aus dem Landheim gefunden hatten -, könnten euch nur diese vier Jungs verraten, die diese Wagnisse auf sich nahmen... Einer davon könnte Wobbl sein, der aber leider verschollen ist! Und die anderen schweigen dezent. Hoffentlich bis heute. 
 

Ein Trommler

 

Bei diesem Ausflug ins Landheim war ein Musiker dabei, der den Weg zu uns über den Abstieg gefunden hatte: recht groß, mit ellenlangen, schwarzen Haaren. In den Pausen hämmerte er ständig in einer bemerkenswerten Technik mit angewinkelten Fingern gleichzeitig sowohl auf die Plattenkante seines Schreibpultes, als auch von unten!

Anfangs hatte ich keine Ahnung, was das soll, aber es gefiel mir, und ich machte es nach: allerdings nur zu Hause; und dort erkannte ich, dass diese Spielerei wohl eine Art Schlagzeug ersetzen sollte. Das wurde bei mir glatt eine Manie, die ich bis ins "hohe" Alter beibehielt! Ab und an ersetzte ich dabei die Finger durch Mikado-Stäbchen, die ich wie wild über den elterlichen Wohnzimmertisch hüpfen ließ, wo auch noch andere Klangkörper herumstanden: ein Aschenbecher etwa, oder auch verschiedene kleine Vasen, die jede einen anderen Ton hervor brachten; selbst ein herumliegender Kugelschreiber hatte einen musikalischen Ton beim Anschlag!

Der Jugendschreibtisch in meinem Zimmer füllte sich danach mit allerhand anderen Dingen, die die herrlichsten Töne produzierten, wenn ich auf ihnen herum trommelte; ausgenommen so profanes Zeugs wie z.B. das lateinische Wörterbuch: es war wirklich zu nichts, aber auch zu gar nichts zu gebrauchen! Und außerdem wesentlich uninteressanter in jeder Beziehung als diese Art von Begleitmusik, die ich bei laufendem Radio produzierte, und die mir sogar noch besser gefiel als das mühsam akkurate Anwinkeln der linken Finger über den Gitarrenseiten, um einen vernünftig klingenden Akkord in mein Zimmer zu schallen.
Ja, das ist es! Schlagzeug lässt deine Seele und die Gefühle fließen! Kehrt dein Innerstes nach Außen! Lässt dich wild sein und auch melodiös und vor allem taktvoll! Es spült auch, - zart und sanft betätigt -, deine Innereien (sofern es die Gefühle betrifft) nicht nur an die eigene Oberfläche, sondern auch in die Ohren anderer und lässt sie aufhorchen... 
Nun ja, dies war einer meiner Jugendträume. Ich blieb dann doch an der Gitarre hängen, entdeckte aber auch den Gesang: dieser lässt mich ebenfalls mein Innerstes nach Außen kehren, vor allem bei solchen Improvisationen, in den ich regelrecht schreien konnte - aber immer noch stilvoll!

Verzeihung für diesen kleinen Ausflug... Jetzt wieder zurück zur Landheimstory! 
 
Olaf, so dieser Neuankömmling, schrieb in den Pausen auch oft zwei seltsame Worte an die Tafel, immer ganz links außen, ohne jemals eine Erklärung dafür abzuliefern: Jethro Tull.  
Ich hielt das für eine Art seltsam-religiöser Verehrung, vielleicht undeutliche Hinweise auf eine Art von Okkultismus, oder auch nur für Spinnerei eines Langhaarigen, auf dessen schwarze Mähne ich neidisch war: zwar hatte ich auch längere Haare, aber meine dünnen Strähnen würden diese Pracht niemals erreichen können!

Nur wenige Zeit später erfuhr ich, dass Olaf Trommler war, außerhalb des Jargons auch Schlagzeuger genannt! Und "Jethro Tull" war weder ein mysteriöses Heiligtum noch ein Mantra: einfach nur eine Band mit einem überaus genialen Leader an der Querflöte! Diese Band lernte ich später zu schätzen und konnte sie auch zweimal live erleben.

Am Abfahrtstag ins Landheim staunten wir nicht schlecht, als Olaf sein komplettes Schlagzeug anschleppte und im Bus verstaute! "In 14 Tagen ohne Übung lässt man nach", meinte er lapidar.

Aufgebaut wurde die Pracht in dem kleinen, leeren Raum neben dem Tischtennisraum, dem eigenen kleinen Gebäude auf dem Hof: man kann sich denken, wie das da drinnen dröhnte!

Ich selbst hatte mich auch mehrmals daran versucht, ohne je vorher an so einem Apparat gesessen zu haben: "Kannst du nicht mal was anderes spielen?" lautete eine Beschwerde. Immerhin sagte der Kamerad  "spielen", was an und für sich schon ein dickes Lob war. Aber mir fiel nichts anderes ein als diese relativ monotonen Trommelfolgen, wobei ich ab und zu eines der beiden Becken traf. Aber den Takt hielt ich allemal, auch mit der dicken Fußtrommel!

Olaf dagegen haute rein, was das Zeug hielt, das aber schnell 99% der Klassenkameraden und 100% der beiden Lehrkörper als schon fast körperliches Martyrium empfanden und Olaf etwas Ähnliches androhten: teeren und federn wollten sie ihn, auspeitschen oder zumindest ins eiskalte Wasser des Baches werfen! Ich konnte diese Gefühle nicht nachempfinden, obwohl es zugegebenermaßen wirklich höllisch laut war... 

Der Trommler zog die Konsequenz und haute ab aus dem Landheim!

Allerdings nicht persönlich, sondern mit seinem Schlagwerk: Er baute es irgendwo mitten im Wald auf, wo er willenlos drauflos hacken konnte und dabei höchstens wilden Tieren oder harmlosen Spaziergängern schon von weitem Angst einflößte und damit in die Flucht schlug... Und dies hielt er den restlichen Landheimaufenthalt durch; ich glaube, er ließ sein Übungsgerät sogar die ganze Zeit dort stehen!
Das nenne ich Konsequentheit: 'In 14 Tagen ohne Übung lässt man nach...'

Landheim-Finale

Viele Jahre lang zog es mich immer mal wieder dorthin, an den Ort, der mir ans Herz gewachsen war:  ob mit meinen diversen, klapprigen Autos, oder auch anfangs mit meinen Kleinmopeds und später den Motorrädern.

Ich habe unser Landheim und die Umgebung in den all den Jahren bestimmt zwölf Mal besucht, wagte es aber nie, die "Heimeltern", wie sie zu unserer Schulzeit hießen, um einen Einlass zu bitten... Vielleicht hätten die vielen Veränderungen meine tollen Erinnerungen gestört?

Eines Tages allerdings, vielleicht Anfang der neunziger Jahre, als ich zuletzt dort war, klopfte mein Herz unbändig vor Freude:   
 
Über dem Eingang zu unserem Bolzplatz prangte eine riesiges Holz in Form eines Baumstammes mit der Aufschrift "Fips Rohr-Stadion"! Eine Hommage an ein Unikum im Lehrerkollegium, zuständig für französisch und Sport: alleine durch seine kleine Figur mit den ausgeprägten O-Beinen, die ihm seinen Namen gaben; aber auch sein schon damals ältliches Gesicht, das immer zu lächeln schien, war ein Markenzeichen. Er schien unendlich geduldig und gutmütig, wurde aber stets respektiert! 
 
Ich selbst hatte zu "Fips" eine recht persönliche Beziehung: war ich doch als vielseitiger Sportler fast ständig unter seiner Obhut; ob beim Fußball, in der Leichtathletik oder beim Turnen. Zudem hatte ich Kontakt mit einem seiner Söhne, dem Gernot Rohr; mit diesem durfte ich (unter Leitung von Fips) sogar einmal ein Fußballspiel einer Mittelstufenauswahl unserer Schule gegen eine Schülerauswahl aus Edinburgh bestreiten: er als Spielführer und ich im Tor! 
 
Gernot spielte übrigens später in der französischen Nationalmannschaft und war auch zweimal im Europapokal dabei... 

Daten zu Philipp "Fips" Rohr:

*10.08.1918 † 30.09.2007

Spieler VFR Mannheim 1936 -1944, Trainer 1959 - 1962; Trainer Chio Waldhof 1973 - 1975
 
Eine spätere Begegnung mit Fips ist mir noch sehr gut in Erinnerung geblieben:  
 
Ich wollte aus wohl genetischen Gründen einfach nicht weiter wachsen und wechselte deshalb die Torpfosten: Im Mannheimer Verein SV Waldhof stieg ich zuerst aus dem Fußballtor aus wurde Mittelfeldspieler. Danach stieg ich komplett um und übernahm in der zweiten Mannschaft der Handballabteilung den Posten des Torhüters. 
 
Eines Tages, (einige Jahre nach der Schule), bei der üblichen Sitzung nach dem Training im Vereinsheim, bekam ich von hinten eine Hand auf die Schulter gelegt und hörte die Worte: "Na, du hast wohl die Seiten gewechselt?" 
 
Ich drehte mich um staunte nicht schlecht: Fips stand hinter mir, mit seinem unverkennbaren, freundlichen Lächeln, das sich in diesem Moment ob meiner totalen Überraschung zu einem dicken Lachen verbreiterte! Er war zu dieser Zeit Trainer des Fußball-Zweitligisten SV Waldhof und mit seiner Mannschaft gerade ins Vereinsheim gekommen. "Jaja, ich kenne dich noch! Alles Gute!" sprach's und verschwand mit zwei Klapsen auf meine Schulter zu seinem Team...  
 
Zugegebenermaßen war ich stolz auf diese Begegnung; aber die verblüfften und fast ehrfurchtsvollen Gesichter meiner Sportkameraden gaben noch eins drauf! 
 
Ab diesem Moment erinnerte ich mich wieder so sehr an die Schule, dass ich beschloss, mit meiner 250er Suzuki wieder einmal das Landheim zu besuchen; obwohl Fips damit nichts zu tun hatte!
Und während dieser Schreiberei im Jahr 2012 denke ich, dass es wieder einmal Zeit wäre, dort vorbeizuschauen...

Unser lieber Dr. Schott, Lateinlehrer der ersten Güte

 

Herr Dr. Schott - seines Zeichens ein Lehrer der alten Schule, also mit dem unbändigen Willen zum Drill seiner Schüler - konnte in seltenen Fällen auch mal lächeln: entweder zynisch, oder, wie bei seinen Versuchen, mit einem abgeschriebenen Kreiderest rückwärts über die Schulter den Papierkorb in der Ecke des Klassenzimmers zu treffen, auch mal recht befriedigt; jedenfalls, wenn er traf.

Wenn er nicht traf, duckten wir uns, denn:

Im Falle eines Fehlwurfs lief sein Gesicht puterrot an, seine militärisch kurzen, eisgrauen Haare stellten sich noch gerader in die Höhe als sonst (was eigentlich physikalisch gar nicht möglich war, aber sein Zorn schaffte das tatsächlich), und dann erschien dieses andere Lächeln in seinem Gesicht, dieses zynische, leicht grausame, mit einem etwas nach vorn gebeugten Oberkörper in seinem mausgrauen Anzug:

Wir waren natürlich daran schuld, weil wir seine Konzentration bei einem Rekordversuch durch unsere Unaufmerksamkeit oder vielleicht auch durch ein Räuspern in der letzen Reihe (sechs Meter entfernt) heftigst gestört hatten!

Darauf erfolgte fast regelmäßig diese Bestrafung in einer Lautstärke, die noch die Kameraden im Nebenzimmer erschreckend hochfahren ließ: "Hefte raus, aber dalli! Vokabeltest! 20 Deutsch-Latein-Vokabeln und noch mal 20 umgekehrt in zehn Minuten! Wer sein Heft in vier Sekunden nicht auf dem Pult hat, ist durchgefallen!!!!!"

Wir erwarteten jedes Mal - nein, wir hofften! -, dass sein Blutdruck ihn in seiner Rage zerfetzen würde; sein überrotes Gesicht war ja nahe dran, aber es behielt dennoch immer seine Form; wenn auch fratzenartig.

Erwähnenswert ist hier noch, dass Herr Schott (ich lasse den Titel 'Dr.' hier absichtlich weg, weil das für eine weitere Begebenheit wichtig ist) keinen rechten Arm knapp unter der Schulter mehr hatte und stattdessen ein hölzernes, zum Körper hin angewinkeltes Ding trug mit einem grauen Samthandschuh an der nachgebildeten Hand.

Samthandschuh! Ein echter Witz, vielleicht sehr bewusst eingesetzt...

Mit dieser Prothese, die er als Dank für seinen aufopfernden Dienst im Zweiten Weltkrieg spendiert bekommen hatte, pflegte er unsere rund 40 Klassenarbeitshefte zum Bauch hin einzuklemmen, wenn er zu Stundenbeginn die Klasse in seiner rammbockmäßig gebeugten Haltung erstürmte und wie ein Berserker tobte: "Diese Klassenarbeit war einmal wieder unter aller Sau! Was glaubt ihr, wo ihr euch befindet? Im Kindergarten?!!! Nur einige wenige Arbeiten sind einigermaßen gut ausgefallen: Das ist kein Niveau, nicht bei mir!!!"

Während dieser puterroten Brüllerei ließ er unsere Hefte auf den Boden fallen, jedenfalls die meisten; einige, die er in der linken Hand trug, legte er plötzlich fast zufrieden wirkend auf sein Pult.

"Du da und du da: aufsammeln und verteilen!! Zackzack!!! Sofort Nachbesserung der Arbeit schreiben! Ich weise euch dabei ein klein wenig auf eure dummen Fehler hin! SOFORT!!!"

Wie kann ein Mensch seine Stimmbänder dermaßen strapazieren, ohne sie vollends zu verlieren? Training, dachten die Sportler unter uns: Wir können die Sehnen und Muskeln ja auch ständig belasten oder auch ab und zu überdehnen, weil wir dauernd am Üben sind. Das leuchtete selbst den weniger sportlichen Kameraden ein.

Drei Tage danach fegte er, wie es mir schien, durch die geschlossene Tür des Klassenzimmers in die nächste Unterrichtsstunde:

Nie in meinem noch unbedarften, jungen Leben hätte ich geglaubt, dass ein Mensch - dazu noch im fortgeschritten Alter! - seine eigene Explosion überleben könnte...

"Wollt ihr mich auf den Arm nehmen, stupides Pack??!!!"

Die Klassenarbeitshefte riss er dabei aus der Umklammerung seines Holzarms und schmiss sie mit der Linken zornerfüllt quer durch die Klasse. Heute denke ich gar, ich hätte dabei giftgrünen Geifer aus seinen Mundwinkeln spritzen sehen... Seine eisgrauen Augen, passend zu den spitzen grauen Igelhaaren und seinem dunkelgrauen Anzug, den er wohl nie wechselte, stierten uns dabei in den Boden.

Das Luftanhalten der Kameraden war für mich hörbar, die Steifheit auf jedem einzelnen Stuhl spürbar. Hätte jetzt jemand hüsteln oder gar niesen müssen: Das Inferno daselbst wäre unweigerlich über uns hereingebrochen!

Nach dieser Verbesserung der Nachbesserung konnte es doch eigentlich nicht schlimmer werden, oder? Weit gefehlt!

In der nächsten Unterrichtseinheit wurden wir vehement und - wen überrascht es? - äußerst lautstark angeklagt, unsere Klassenarbeitshefte in einem desolaten Zustand an den Lehrer zurück gegeben zu haben! Folge: Vokabeltest...

Wer aber jetzt glauben sollte, dass sich das über Jahre unentwegt hinweg zog, der liegt nur etwas richtig: Es gab seltene Momente, wo Herr Dr. Schott Wesens- und Lehrarten zeigte, die einem Lehrer geziemten und ihn als Pädagogen sogar als rechtmäßig ins Amt gesetzt erscheinen ließen; leider war dies viel zu selten der Fall.

Ich erinnere mich sehr gerne daran, dass wir aufgefordert wurden, anhand seinen Beschreibungen Pläne zu zeichnen, die das antike Rom darstellen sollten: Das Forum Romanum zum Beispiel entstand auf meinem Zeichenblatt in Windeseile, weil ich die eindringlichen Schilderungen des Lehrers umsetzen konnte, der diese Stätte natürlich schon besucht hatte. Zeitgleich kritzelte er mit Kreide die Umrisse und Standorte der wichtigsten Bauten an die Tafel und erklärte uns, um was es sich dabei handelte.

Ebenfalls Pompeji, in einer anderen Unterrichtsstunde: Auch hier konnte ich seine Begeisterung nachvollziehen, die er uns anhand des Lebens und Sterbens dieser Stadt vermittelte und mit der er danach die hervorragend erhaltenen Fragmente des blühenden Lebens dieser schon recht modernen Metropole schilderte, die im Aschenregen des Vulkanausbruchs der Nachwelt erhalten geblieben waren.

In diesen seltenen Momenten schien Schott irgendwie abseits von sich selbst zu stehen; er wirkte nicht nur menschlich, sondern sogar irgendwie 'warm' in Erinnerung an seine Ausflüge in die Welt der lateinischen Antike!

Ich gestehe gerne, dass ich von diesen Geschichtsstunden fasziniert war; auch deshalb, weil kaum ein Wort übersetzt werden musste... Ich hasste Latein!

Viele Jahre später, als ich selbst diese geschichtsträchtigen Orte besuchen konnte, erinnerte ich mich sehr lebhaft an diese Lehrstunden und freute mich, dass ich diese damals erleben durfte: In meinem ersten Buch hatte ich bei den Reisebeschreibungen zu diesen Stätten Herrn Dr. Schott dafür gedankt. Hier ein kleiner Auszug aus diesem  Buch, bei einem Besuch in Pompeji:

<<..., und wir erklimmen schließlich die Empore des Amphitheaters; so ziemlich das Grandioseste des ohnehin grandiosen Pompeji!

In der jetzt schon tief stehenden Sonne vermag ich geistig-leibhaftig das Treiben hier zu sehen, zu spüren und zu hören – bloß verstehen kann ich nicht viel, ich war ja kein besonders guter Lateinschüler... 

Manno, irgendwie ist das alles doch so ganz anders, als ich aus den schnöden Lateinübersetzungen noch aus der Schule her kannte; auch die überaus gekonnten und gefühlvollen Schil­derungen meines Lehrers zu diesem Thema sind in diesem Jetzt nur noch blasse Eindrücke aus der schulischen Vergangenheit! …>>

Das war es aber auch schon an Dank für diesen Lehrerlump, der uns in seiner egozentrischen Weise mit Hang zu unkontrollierten Handlungen in den Boden zu stampfen versuchte. Es ist auch heute noch völlig fraglich, was er damit bezwecken wollte, außer seinem exzentrischen Ego zu dienen - oder ihm freien Lauf zu lassen. Ein heutiger Psychologe würde einen solchen Menschen als Psychopathen bezeichnen.

Ich hatte anfangs beschrieben, dass Schott sehr gerne die Rest-Kreide rückwärts über die Schulter in den Papierkorb warf, direkt rechts neben dem Eingang des Klassenzimmers. Er übte aber auch sehr gerne eine andere Wurftechnik:

Ein während dem Unterricht unbedacht etwas lauteres Wort, also eine Prise mehr als hauchleise, konnte dem Kameraden einen Kreidefleck auf der Stirn einbringen, auch wenn er in der letzten Reihe saß! Mit unfassbarer Geschwindigkeit und Genauigkeit traf ein Kreidegeschoss aus seinem linken Wurfarm... Wie und wo hatte er das nur trainiert? Wahrscheinlich auch in anderen Klassen. Oder im Zweiten Weltkrieg.

Falls in einer solch aufmüpfigen Situation der Herr Lehrer gerade keine Kreide in der Hand hatte, tat es zur Not auch mal der Schlüsselbund in seiner linken, grauen Jackentasche... Und auch der traf kopfgenau!

Aber nicht nur die Köpfe der Schüler hatten es ihm angetan; einmal war es auch das Gegenteil, nämlich bei mir - wobei ich endlich zum Thema komme, denn diese Geschichten in dem vorliegenden Buch handeln ja von mir selbst:

Ich hatte mir an der rechten Hüfte ein Furunkel zugezogen, genau an der Gürtellinie, was recht heftig weh tat. Ein Kamerad stieß mich zufällig dort an während einer kleinen, spaßhaften Rangelei, wobei wir überhört hatten, dass die Pausenklingel schon zum Unterricht gerufen hatte.

Durch diesen überaus heftigen Schmerz reagierte ich ohne Zutun meines Hirnkästchens und stieß den Kameraden weg mit verzerrtem Gesicht, was bestimmt jeder nachvollziehen kann.

Just in diesem Moment erschien Schott in der Tür!

Sein überscharfer, eisgrauer Blick erfasste natürlich sofort die Situation in völlig klarer Lage: Ich stieß einen Kameraden! Das schrie nach Vergeltung...

In irrsinniger Geschwindigkeit, der ich absolut nichts entgegenzusetzen hatte (trotz meiner Sportlichkeit!), packte er mich mit der linken Hand im Genick, klemmte meinen Kopf zwischen seine Knie und versohlte mir den Hintern: Ein Teppichklopfer hätte keine bessere Arbeit leisten können!

Schmerzen hatte ich eh schon wegen der angestoßenen Hüfte, dazu kamen die feurigen Schläge. Die wenigen Tränen, die mir herunter rannen und für alle sichtbar waren, als er mich losließ und mich aufrecht zur Klasse hin stellte, mit der Hand am Kragen packend: Nein, diese Tränen entsprangen nicht dem Schmerz, sondern der unaussprechlichen Scham dieser Erniedrigung!

"Du glaubst wohl, dass du hier deine Kameraden vermöbeln kannst nach Lust und Laune, nur weil du ein Jahr älter bist, du nichtswürdiger Sitzenbleiber???!!!! Diese Lektion soll dir das Gegenteil beweisen!!! Beim Nachsitzen heute wirst du einen langen Vokabeltest ablegen, den du natürlich versauen wirst!!! Hinsetzen!!!"

Wenn Texte Töne abgeben könnten, würden dieses Sätze wieder einmal schrill kreischen...

Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich tatsächlich ein Jahr älter war als die Kameraden, nämlich schon 12.

Warum war ich älter?

In der Erzählung „Eine unglückliche Turnstunde" habe ich beschrieben, warum ich viele Wochen ausfiel; dummerweise kam kurz danach auch noch eine Blinddarmentzündung hinzu, die mich auch wieder eine Zeit lang lahm legte; also keine Chance, den Klassenabschluss zu schaffen. Deshalb war ich ein Sitzenbleiber!
(Anm.: Diese Story ist auf meiner Seite "Tintenhuf" zu lesen.)

In einer anderen Situation fiel ich in Ungnade, weil ich ungehobeltes Kind unseren Lehrer bei einer Frage mit den Worten ansprach: „Herr Schott, können Sie...“

Weiter kam ich nicht!

Sein Gebrüll erschütterte nicht nur mich und die Kameraden; das ganze Schulgebäude schien zu erzittern: „Ein Herr Schott steht auf dem Wochenmarkt und verkauft Wurst!! Ich bin Herr Doktor Schott und lehre Latein! Schreib dir das hinter die Löffel und rede mich künftig korrekt an!!!“

Seltsam einmal wieder, dass sein Gesicht bei diesem Jähzornesausbruch nicht platzte; die Haut schien äußerst widerstandsfähig zu sein.

Seltsam aber auch, dass ich einer Stunde Nachsitzen entging, mitsamt Vokabeltest!

Ganz allgemein mochte ich Latein nicht so wirklich; im ganz Besonderen aber, weil es diesen unausstehlichen, egomanischen Teufelslehrer gab.

Mein Notenspiegel mag das sehr deutlich ausdrücken: In den Halbjahreszeugnissen fast regelmäßig eine Sechs, von der ich mich bis zum Versetzungszeugnis auf eine Fünf herunterkämpfen konnte; diese konnte ich locker ausgleichen durch gute Noten in anderen Hauptfächern.

Die absolute Überraschung war, dass ich zum Ende der Mittelstufe eine saubere Vier bekam, was das Kleine Latinum bedeutete nach sechs Jahren lateinischer Quälerei!

Herr Schott: Ich sehe Sie heute noch fassungslos, dass Ihre sadistischen Bemühungen, mich ins Abseits zu stoßen, fehlgeschlagen waren!

Wenig verehrter Herr Dr. Schott, ich gebe dabei aber auch zu, dass hier getrickst wurde: Mein Klassenkamerad 'Striebsi' hatte mir einen Teil der letzten Klassenarbeit neben der Bank zu mir nach hinten geschoben; Sie dämonisches Argusauge, in diesem Moment abgelenkt durch ein verdächtiges Räuspern eines Kameraden in der hinteren Reihe, hatten das nicht gemerkt!

Erkennen Sie das jetzt, von irgendwo da unten? Ich freue mich diebisch, ja, sardonisch!

Nachsatz:

Erst zum Ende der Mittelstufe kam ans Licht, dass Herr Dr. Schott hab-ihn-nicht-selig im vierten Stockwerk eines Hauses auf dem Mannheimer Lindenhof wohnte, was an sich ja nicht besonders reizvoll ist für diese Geschichte und auch sonst nicht.

Besonders delikat ist aber, dass meine Eltern über ihm wohnten und deren kleiner Sohn von der Geburt an bis zum Ende des zweiten Lebensjahres die Nachbarschaft malträtierte mit seinem ständigen Geschrei! (Danach sind meine Eltern, samt dem Söhnchen, umgezogen, aber nicht den Nachbarn zuliebe.)

Fazit:

Unlieber ehemaliger Nachbar: Sie wurden in Ihrer Studien- oder Refendarzeit durch mich Knirps immens gestört und ließen das später an mir aus, da ich glücklicherweise (von Ihnen aus gesehen) ein Schüler von Ihnen wurde.

Vielleicht ist das sogar verständlich; aber warum sind Sie dermaßen mutiert und mussten alle Schüler quälen? Oder war das schon immer Ihre teuflische Wesensart, entstanden und geprägt durch was auch immer?

NACHSATZ 2, verfasst von einem Klassenkameraden:

------

Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl …

Herr Dr. Schott – wenn es ihn denn in der Lateinlehrer-Hölle selig macht, dann nenne ich ihn in drei Teufels Namen so – war ein Scheusal, aber kein Einzelfall.

Er konnte Schüler an guten Tagen tatsächlich für seinen Stoff interessieren, konnte durchaus spannend und anschaulich erzählen, aber das ist hier für meine Einschätzung dieses Herrn ungefähr so von Belang wie Hitlers Liebe zu Deutschen Schäferhunden für dessen Beurteilung.

Schott und viele andere Lehrer seiner Generation waren natürlich geprägt durch die damals gerade eine Generation zurückliegende, angestrengt totgeschwiegene braune Herrlichkeit und sicher auch durch den Zweiten Weltkrieg, in dem er für Führer, Volk und Vaterland seinen rechten Arm gelassen hatte.

Ja – geprägt durch die Nazizeit waren sie alle, die Fedl, Kölmel (der mich im Nachhinein immer an Roland Freisler erinnert, vielleicht, weil er ähnliche Manieren an den Tag legte), eben Schott und wie sie sonst hießen. Das waren keine guten Pädagogen, wie viele unserer Eltern damals glaubten („streng, aber gerecht“ – nun, von der Gerechtigkeit des Kollegen Schott haben wir hier ja anschauliche Beispiele gelesen), auch keine schlechten Pädagogen, das waren überhaupt keine Pädagogen. Sondern eben mehr oder weniger Scheusale.

Ich sehe es ähnlich wie der von mir hochgeschätzte Schriftsteller und Journalist Ralph Giordano („Die Bertinis“, „Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein“): Die Nazizeit wurde auch möglich durch einen lang andauernden Verlust der humanen Orientierung in großen Teilen der Bevölkerung. Eben für diesen Verlust der humanen Orientierung, dieses Fehlen fast jeglichen menschlichen Mitgefühls, der Unfähigkeit, Jugendliche zu fördern, damit die eines Tages lebensfähige Persönlichkeiten sind, ist Schott ein zwar etwas extremes Beispiel, aber kein außergewöhnliches. Sein Ziel war, uns zu funktionierenden Untertanen zu formen. Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl.

Vermutlich (gesagt hat er das so meines Wissens nie, es stand auch nicht zur Debatte, denn debattiert wurde bei dieser akademischen Variante eines Unteroffiziers grundsätzlich nicht) waren eben das auch seine „pädagogischen“ Ziele, getreu übernommen vom selbsternannten größten Feldherrn aller Zeiten. Jedenfalls arbeitete er konsequent in diese Richtung. Für Gespräche mit Schülern, für Zuhören, gar für ein Abwägen, was in einem konkreten Fall gerecht oder ungerecht, richtig oder falsch sei, war in einer solchen scheißbraunen Weltanschauung kein Platz. Ein Junge weint nicht, ein deutscher Junge muss Schläge einstecken können, ein deutscher Junge muss …

In einer bekannten Rede zog Schotts mutmaßliches Vorbild, jedenfalls das seiner Jugend, um die ihn das braune Pack betrogen hatte, das Fazit, die Jugendlichen würden „nicht mehr frei ihr ganzes Leben“.

Ja, Kollege Schott, du in deiner Lateinlehrer-Hölle, wo du vermutlich nicht auf dem Holzkohlengrill schmorst, auf den du eigentlich gehörst, sondern die Engel schleifst und drillst, sie mit deiner Trillerpfeife weckst wie uns im Schullandheim und „Aufstehen, fertigmachen zum Frühsport!!!“ krakeelst, ihnen Lateinvokabeln einpaukst und sie zusammenbrüllst, dass man dein dumpfes Gebrülle und das Klirren deiner durch die Landschaft geworfenen Schlüsselbunde bis zum Himmel hört – das könnte dir jetzt gerade so passen!

Thomas Striebig alias „Striebsi“, der natürlich keineswegs altersweise zu werden gedenkt – weder alt noch weise!

------

(Anm. des Autors: Striebsi ist selbst Gymnasiallehrer geworden und hat offensichtlich von den Fehlern der Lehrer aus seiner Jugendzeit gelernt: Seine Schüler schätzen und mögen ihn sehr!

Dem Autor selbst erging es ähnlich: In der Erwachsenenbildung habe ich stets und erfolgreich darauf geachtet, die Fehler einiger Lehrer nicht zu wiederholen und die hervorragenden Ansätze anderer, jüngerer Lehrer in meinen ganz persönlichen Lehrstil einzubringen).


Hier die Geschichten reinbringen.

Landheim bleibt wohl dort?

Schott gehört hier rein, auch Mathe 1965. Keile vom Lateinlehrer!

Die Geschichtenseite

Platzieren Sie hier Ihre eigenen Texte und Bilder. Bearbeiten Sie diesen Text einfach durch einen Doppelklick.